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Erfahrungsbericht eines Porträtierten

Es begann mit einem Augenschmaus: Beim Surfen im Netz sah ich eine wunderschöne junge Frau, die gerade dabei war, ihrer Lebensfreude tänzerisch Ausdruck zu verleihen, als die Fotografin auf den Auslöser drückte. Genau im richtigen Augenblick. Beim Betrachten des Fotos, das ich durch Zufall entdeckte, meinte ich die fetzige Musik zu hören, zu der sich die Tänzerin mit fliegenden Haaren ausgelassen bewegte. Und obwohl sie nur mit einer zarten Kette bekleidet, ansonsten also nackt war, haftete dem Bild nichts Anstößiges an:

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Grund genug, in einer ruhigen Minute die Website der Bremer Fotografin Astrid Schulz (www.subwooferin.de) aufzurufen. Was ich dort erblickte, enttäuschte meine Erwartungen nicht. Menschen waren dort zu sehen, alt und jung, als Portrait oder Akt, mit Tattoos oder ohne, rausgegriffen aus dem prallen Leben – und alle blickten ohne Scheu in die Kamera. Da ich die Angewohnheit habe, schon beim bloßen Anblick eines Fotoapparates die Augen zusammenzukneifen und wie Quasimodo ein maskenhaftes Gesicht aufzusetzen, hoffte ich auf ein Wunder und bat um einen Portraitshooting-Termin.

Um es vorweg zu sagen: Das Fotoshooting war ein einziges Vergnügen. Sämtliche Befürchtungen, auch diesmal wie ein verkniffener Gremlin auszusehen, erwiesen sich als unbegründet. Zuerst wurde ich mit Kaffee und Schokolade abgefüllt, bis sich ein wohliges Gluckern in meiner Magengegend einstellte. Dann wurde ich darum gebeten, mein mitgebrachtes dunkles T-Shirt anzuziehen, mich auf einen Hocker vor eine Leinwand zu setzen und einfach den Anweisungen der Fotografin Folge zu leisten. Während mich französische Chansons umsäuselten, verrichtete die Fotografin artistische Höchstleistungen vor mir, was durchaus nett anzusehen war. Von unten nach oben, quer von halbrechts und wieder zurück, nahm sie mich mal kauernd, mal auf der Fensterbank balancierend, aufs Korn, und das alles, ihre Spezialität, bei Tageslicht, so dass mein aristokratisches Antlitz nicht durch Kunstlicht schattenreich verunziert wurde.

Zwischendurch durfte ich mir die digitalisierten Aufnahmen ansehen – und ich war begeistert. Entgegen meiner Erwartung sah ich auf dem Display eine Mischung zwischen George Clooney und Arnold Schwarzenegger. Und das, obwohl ich bei diesem Shooting noch nicht einmal meinen ölglänzenden Bizeps oder mehr präsentieren durfte. Doch selbst wenn ich nur mit einem Fußkettchen bekleidet gewesen wäre, hätte es Astrid Schulz vermocht, mich würdevoll darzustellen. Dessen bin ich mir sicher. Und das, obwohl ich noch nicht einmal mit den Attributen holder Weiblichkeit gesegnet bin. Während der Betrachter meinte, im Hintergrund fetzige Musik zu hören, hätte sie mich vielleicht als Tänzer dargestellt, dessen verbliebenen drei Haare, als Ausdruck der Lebensfreude, ausgelassen im Winde wehten.